Beratung

Museen im Wandel

Museen sind in der Zwickmühle. Sie sind ihrer Sammlung verpflichtet. Sie verwalten die kulturellen Artefakte dingbezogener Kulturen, die von vielen Menschen heute nicht mehr als relevant erachtet werden. Sie beanspruchen dennoch, ein Tempel zu sein, in dem das Erhabene zum Erlebnis wird.

 „Erhabenheit“ hat nicht mehr genügend Überzeugungskraft 

Das Erhabene ist dem Göttlichen ähnlich, aber nicht auf dessen höchster Stufe. Es ist eine mit dem Bürgertum aufgekommene Kategorie zur Kennzeichnung von herausragenden schöpferischen Leistungen. Der (bildungsbürgerliche) Betrachter bewundert nicht nur die Weise, wie ein Werk zustande gekommen ist. Er ahnt auch, dass durch ein solches Werk ein neuer geistiger Raum eröffnet wird, der sich auf andere, zum Beispiel naturwissenschaftliche Weise nicht darstellen lässt. Dieser geistige Raum ist dem Weltlichen enthoben, er ist „erhaben“. Der Bildungsbürger spricht solcherart herausragenden Werken einen Offenbarungscharakter zu. Ihnen wohnt, so dessen Ansicht, eine außergewöhnliche Kraft inne, die sie auratisch erscheinen lassen. Sie verdienen es, im Museum präsentiert zu werden, was wiederum deren Auratisierung einen weiteren Schub verleiht.

Doch haben die Besucher heute überhaupt noch Lust auf das Erhabene? Falls ja: Ist das Museum der richtige Ort, um diese Erfahrung zu ermöglichen? In Teilen, insbesondere in Kunstmuseen, ist stille Bewunderung und Vereinnahmung durch die Aura des Objektes nach wie vor die Haltung, die die Menschen einzunehmen bereit sind. Sonntägliche Schlangen wird es in ausgewählten Museen weiterhin geben. Doch die Bedürfnisse lassen sich heute nicht mehr so einseitig befriedigen. Bei über 6.800 Museen in Deutschland müssen sich 99 Prozent damit arrangieren, dass sie kein Tempel sein können.

 Museen stehen unter dem Druck soziokultureller Entwicklungen 

Die Museen der Welt verändern sich nicht, weil der Museumsrat ICOM es beschließt, sondern der Museumsrat reagiert auf die Veränderungen in der Welt. Überall haben die Gesellschaften in den letzten 100 Jahren eine gesellschaftliche, kulturelle, technische und ökonomische Entwicklung hingelegt, die den Kontemplationsort Museum häufig altbacken ausschauen lässt. Zusammenfassend kann man sagen, dass sich immer mehr Menschen auf immer mehr Feldern mithilfe von komplexen digitalen Technologien an der kulturellen Bedeutungsproduktion beteiligen. „Bedeutung“ gewinnt an Gewicht und löst das „Erhabene“ ab. Es zählt nicht mehr die den Dingen innewohnende Aura, sondern die Bedeutung, die den Dingen und Phänomenen von den Besuchern individuell oder von diversen Communities zugesprochen wird. Unterstützt wird diese Entwicklung durch eine sich vervielfältigende Kultur- und Medienlandschaft, die neue Resonanzräume für abweichende kulturelle Leistungen zur Verfügung stellt. Wer sich nicht in speziellen Foren austauschen will, der findet alle Antworten mithilfe von Suchmaschinen. Museen verlieren dadurch ihre Deutungshoheit. Wenn sie also neben ihrer Dingkompetenz keine zusätzlichen Besuchsanreize schaffen, verlieren sie über kurz oder lang ihr Publikum.

 Besucher lieben das Museum um ihrer selbst willen 

Wenn die ausgestellten Dinge nicht mehr alleine im Mittelpunkt des Interesses stehen, was dann? Die Antwort darauf gibt die Besucherforschung: In „Identity and the Museum Visitor Experience“ beschreibt John H. Falk Museen als Anordnungen, die es dem Besucher erlauben, eine oder mehrere Rollen zu spielen: als Entdecker, Erlebnishungriger, thematisch interessierter Profi, als Erholungssuchender oder als Ermöglicher (begleitet z. B. seine Kinder), als Pilger oder als Affinititätssuchender. Das Erhabene spielt für diese Besuchertypen eine untergeordnete Rolle. Denn sie sind eigentlich „nur“ an der Bestätigung des eigenen Rollenspiels interessiert.

Auch wenn das Ausstellen von Objekten tief in der DNA der Museen verankert ist, so ist doch ein Perspektivwechsel unvermeidbar … und vielerorts auch schon längst in Gang. Der Prozess der Entauratisierung ist unumkehrbar, denn die ursächlichen gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen haben schon längst neue Rahmenbedingungen geschaffen. Museen müssen deshalb aktiv auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen. Dabei geben sie freilich ein Stück weit ihre inhaltliche kulturelle Leitkompetenz auf. Aber sie erhalten die Chance, von den Menschen als neues, offenes kulturelles Zuhause akzeptiert zu werden. Museen verwandeln sich dadurch nicht zu Orten billiger Unterhaltung, sondern kultureller Möglichkeiten. Damit erhöhen sie ihre Einflussmöglichkeiten und nehmen ihren Bildungsauftrag besser wahr als je zuvor.

Die ICOM-Definition wird viele Museen veranlassen, ihr Selbstverständnis zu prüfen. Veränderungswillige Museen werden dies aber auch zeigen müssen. Denn erst eine sichtbare Veränderung ist eine tatsächliche Veränderung. Kommunikationsdesign gewinnt deshalb an Bedeutung. Nicht nur zur Dokumentation des Wandels nach außen, sondern auch nach innen.